www.cfx-broker.de / 8: Blog > Regen long – Sonne short
.

Regen long – Sonne short

Wer von Ihnen schaut schon nicht den Wetterbericht an? Das Wetter ist das Thema, was fast alle Menschen bewegt, weil es auch jeden berührt oder beeinflusst. Dabei wissen die meisten gar nicht einmal, wie eine Wolke entsteht oder was ein feucht adiabatischer Aufstieg der Luft bedeutet. Von Hoch- oder Tiefdruck ganz zu schweigen.

Das Wetter beeinflusst nicht nur uns Menschen, sondern auch die Weltwirtschaft. Es ist einer der wichtigsten Faktoren schlechthin. Darum ist es kein Wunder, dass wir wissen wollen, ob wir morgen den Regenschirm mitnehmen sollen, oder am Feierabend in den Biergarten gehen können.

Warum soll man dann nicht auch mit dem Wetter handeln? Sie mögen vielleicht jetzt schmunzeln, aber dies wird schon lange getan. Wenn wir mit Kaffee, Orangensaft und Baumwolle handeln, warum auch nicht mit Regen, Wind und Temperatur?

Im ersten Moment klingt dies merkwürdig, ist aber schon längst gängige Praxis. Zum besseren Verständnis geben wir Ihnen zwei Beispiele aus der Praxis:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Biergartenbesitzer und beziehen x % Ihres Jahresumsatzes aus dem Biergarten. Um sich abzusichern, macht es doch Sinn, dass Sie long in Niederschlag gehen. Die Menge wird dabei genau festgelegt und anschließend amtlich gemessen. Regnet es viel, dann ist der Biergarten geschlossen. Das macht aber nichts, weil ich ja long in Niederschlag bin. Mein Gewinn bleibt also konstant. Ich habe keine gute Saison, aber auch keine schlechte. Das Leben als Unternehmer wird somit ruhiger.

Wer geht aber short in Regen? Ein Kontrahent muss ja vorhanden sein. Ganz einfach: Ist der Sommer verregnet, dann freut sich der Last Minute Anbieter und verkauft seine Reisen. Alle wollen nach Mallorca in die Sonne fliegen. Beide Parteien haben die Möglichkeit zu kalkulieren und sind abgesichert.

Das zweite Beispiel: Der Skiort XYZ lebt vom Schnee. Fällt aber keiner, muss er welchen produzieren. Schnee fällt nicht, wenn es zu warm oder zu trocken ist. Der Skiort XYZ kann es sich aber für seine Ansässigen nicht leisten, dass die Urlauber aufgrund des Schneemangels fernbleiben. Also werden die Skikanonen angeworfen. Wenn Sie deren Stromverbrauch kennen würden, würden Sie blass werden.

Um die Kosten kalkulierbar zu machen, geht der Skiort XYZ short in Niederschlag bzw. Temperatur. Fällt zu wenig, bekommt er Geld, fällt genügend, dann laufen die Schneekanonen nicht.
Aber wer ist der Kontrahent. Ganz einfach: Der Stromlieferant. Er geht die Gegenwette ein und hat somit auch einen kalkulierbaren Umsatz, bzw. die Ausfallentschädigung.

Vielleicht meinen Sie, das ist ein Witz? Weit gefehlt. Große Stromkonzerne, Reisegesellschaften, Bierzeltbesitzer (Oktoberfest) etc. handeln schon seit Jahren mit Wetterderivaten.

Die Problematik ist, dass Temperaturen und Niederschläge lokal sehr unterschiedlich sind. Dies kann sich von einem Kilometer auf den anderen ändern. Daher müssen die entsprechenden amtlichen Messstellen oft erst eingerichtet werden.

Das wichtigste Wetterderivat ist aber der Wind, da er mittlerweile einen ganzen Wirtschaftssektor in Deutschland beeinflusst. Gängige Praxis ist hier, sich zu „hedgen". Bei zu viel Wind werden die Windräder abgestellt und bei zu wenig laufen sie nicht. Daher gehen die Windparkbetreiber prinzipiell long und short gleichzeitig.

Merkt man nach einer gewissen Zeit, dass das Wetter sich doch positiver entwickelt, kann das Derivat auch wieder verkauft werden, aber nur in dem Bewusstsein, dass man anschließend wieder voll im Risiko ist.

Ein sehr gutes Beispiel ist wohl Kanada. Es gibt aufgrund der Statistik eine Durchschnittstemperatur im Winter und die ist nicht gerade hoch. Liegt die Temperatur über längere Zeit zu tief, benötigen die Kanadier eine Menge mehr an Strom für die Heizung.

Dieser Mehrverbrauch kann auf das Grad Celsius genau ausgerechnet werden, um entsprechende Hedging-Positionen aufzubauen. Als Kontrahenten für solche Geschäfte gibt es für diesen Fall nur große Rückversicherungsgesellschaften, wie die Münchner Rückversicherung, die ein solch enormes Geschäftsrisiko eingehen können.

Die besten Wetterspezialisten sind daher nicht beim Fernsehen, wie einst Herr Kachelmann, sondern sind beschäftigt bei Morgen Stanley, JP Morgan und Co. Eben, weil diese Thematik auch weit in den Rohstoffsektor hineinspielt. Denken Sie nur an Orangensaft, Kaffee etc.

Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund besser, den Wetterbericht der City Bank zu lesen, als ihn im Anschluss der Tagesschaut im Ersten zu schauen.

Daniel Fehring / Forex-Sun.com

.

xxnoxx_zaehler